Zeitzeugengespräch mit Aribert Martin über den „Deutschen Herbst“ 1977

„Jetzt bloß nicht in die Luft fliegen!“ – Dieser Gedanke schoss dem damals 21-jährigen Aribert Martin durch den Kopf, als er zusammen mit seinen Kollegen der Spezialeinheit GSG9 im Oktober 1977 das von Terroristen entführte Passagierflugzeug „Landshut“ stürmte und die Geiseln befreite.

Bereits zum dritten Mal besuchte Aribert Martin als Zeitzeuge unsere Schule, um den Zuhörern seine Erlebnisse aus jenen dramatischen Tagen im Oktober 1977 zu schildern. In dem von Pierre Kröseler von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit moderierten 90-minütigen Gespräch erhielten die Klassen F11S1, F11T und F11W zunächst einen Einblick in die Entstehung des Terrorismus in der BRD durch die linksextreme Rote Armee Fraktion (RAF), bevor der Zeitzeuge mit den Schülerinnen und Schülern in die Zeit der Befreiung der „Landshut“ eintauchte.

Im Oktober 1977 entführten vier palästinensische Terroristen das Flugzeug „Landshut“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt am Main und nahmen die 86 Passagiere sowie die Besatzung der Maschine als Geiseln. Drahtzieher im Hintergrund war die linksextreme RAF, die mit dieser Entführung inhaftierte Mitglieder aus dem Gefängnis freipressen wollte.

Die Terroristen waren laut Martin „knallharte Typen“: So wurde beispielsweise das Auftanken der Maschine in Dubai mit der Drohung, eine Geisel zu erschießen, erzwungen. In letzter Sekunde gab man schließlich der Forderung nach und das Leben der Geisel wurde gerettet. Zudem wurde Jürgen Schumann, der erfahrene Pilot der „Landshut“, von den Terroristen per Kopfschuss hingerichtet, nachdem sein Versuch, Hinweise über die Entführer nach draußen zu geben, aufgeflogen war. Alle Passagiere wurden unter Androhung des gleichen Schicksals gezwungen, dabei zuzusehen. Sichtlich ergriffen erinnerte sich Aribert Martin dabei an die Worte eines dreijährigen Jungen, der Zeuge dieser brutalen Hinrichtung geworden war und ihm später erzählte: „Dann hat es bumm gemacht und dann ist [der Pilot] umgefallen!“ – Eine Erinnerung, die den Zeitzeugen bis heute nicht loslässt.

Diese Beispiele zeigen, dass mit den Entführern nicht zu verhandeln war – das Flugzeug musste durch die GSG 9 gestürmt werden. Nach einer fünftägigen Odyssee bot sich in Mogadischu (Somalia) die Gelegenheit. Unter dem Vorwand, die Bundesrepublik lasse die inhaftierten RAF-Terroristen frei und würde sie nach Mogadischu fliegen, gewann man Zeit und konnte den Zugriff genaustens vorbereiten. Dabei wollte sich die GSG 9, aufgeteilt auf 6 Trupps zu je 5 Mann, unbemerkt von hinten an die „Landshut“ heranschleichen, um dann mitten in der Nacht auf das Kommando „Feuerzauber“ hin gleichzeitig über die sechs Ausgänge das Flugzeug zu stürmen. Das Zünden von Blendgranaten auf dem Rollfeld unmittelbar vor dem Zugriff diente dabei als Ablenkungsmanöver. Aribert Martin war an der Tür hinten rechts positioniert und stürmte in die Maschine, nachdem sein Kollege die Tür aufgehebelt hatte. Niemand hatte jedoch Informationen darüber, was sich im Inneren des Flugzeugs wirklich abspielte oder wo genau sich die Terroristen im Flugzeug aufhielten. Allen Beteiligten war klar: „Mit Terroristen kann man nicht reden oder verhandeln. Einen Plan B gab es nicht,“ erinnert sich Aribert Martin zurück. Als er in das Flugzeug stürmte, sah er um sich herum nur Geiseln. Aus dem vorderen Teil der Maschine aber hörte er Schüsse. Der Zeitzeuge ergänzte: „Als Erstes stieß mir ein unglaublicher Gestank entgegen. Die Terroristen ließen die Geiseln nicht auf die Toilette gehen, sodass die Passagiere ihre Notdurft auf ihren Plätzen verrichten mussten. Und das schon 5 Tage lang. Diesen Gestank hatte ich lange in der Nase.“ In unmittelbarer Nähe von Herrn Martin explodierte unter einem Sitz zudem eine Handgranate, die ihn glücklicherweise nicht verletzte.

Innerhalb von nur wenigen Minuten wurden die Entführer ausgeschaltet. Einer der Terroristen war unmittelbar vor Aribert Martin mit mehreren Schüssen getroffen worden und lag in seinen letzten Zügen. „Er war in etwa so alt wie ich. Da spürte ich für einen kurzen Moment so etwas wie Mitleid. Er hatte sich einfach für die falsche Sache entschieden.“ Zwei weitere Terroristen wurden bei der Befreiung der Geiseln getötet, eine Terroristin, die Schlächterin, überlebte schwer verletzt. Alle Geiseln überlebten hingegen zum Glück die Entführung. Aus Sicht des Zeitzeugen sind die Geiseln „wahre Helden“, „die GSG 9 hat in Mogadischu einfach nur ihren Job gemacht“.

Die Dimension des Einsatzes wurde dem damals 21-jährigen Aribert Martin erst auf dem Rückflug bewusst. Ein Kollege hatte einen Halsdurchschuss erlitten. Auch eine Flugbegleiterin wurde verletzt. Zudem traf er auf traumatisierte Passagiere wie den dreijährigen Jungen, die fünf Tage lang der Willkür und Grausamkeit ihrer Entführer ausgeliefert waren. Eine psychologische Betreuung für die Opfer oder die beteiligten Kräfte im Nachhinein gab es nicht, sodass heute noch viele an den Folgen der fürchterlichen Erlebnisse leiden.

Während des Vortrags hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so gespannt lauschten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen von Aribert Martin und stellten abschließend zahlreiche Fragen an den Zeitzeugen, der ihnen mit auf den Weg gab, „vor nichts Angst haben“ zu müssen und dass „Aufgeben nie eine Option [ist]“. Die Veranstaltung bot den Zuhörern die seltene Gelegenheit, Informationen über ein Schüsselereignis deutscher Geschichte von einem unmittelbar Beteiligten hautnah zu erfahren. Zum ersten Mal wurde vielen bewusst, was die Entführung der „Landshut“ wirklich für die Geiseln bedeutete und wie wichtig es damals wie heute ist, unsere Demokratie und Freiheit um jeden Preis zu verteidigen.

Ertl Christina

Termine

Anmeldung

Kontakt